7 Jun 2019

Die Kunst des spielerischen Scheiterns

Im Rahmen der Vortragsreihe ,,Heiligenfelder Gespräche“ hielt der renommierte Clownlehrer und Kommunikationstrainer Michael Stuhlmiller am 5. Juni einen Vortrag an der Akademie Heiligenfeld. Er präsentierte dem Publikum auf spielerische Weise einen neuen Ansatz des Umgangs mit Problemen und wie sich diese in Inspirationen verwandeln lassen.

Stuhlmiller studierte zunächst Jura in Heidelberg sowie Kunst und Musik in Kassel, bevor er eine Schauspielausbildung beim Teatro Nucleo machte und anschließend eine Gesangsausbildung absolvierte. Er nahm darüber hinaus an internationalen Theaterfestivals teil und erlernte im Anschluss Musiktherapie und integrative Körperpsychotherapie. 1994 gründete er die Clownschule in Mainz, heute „Staatlich anerkannte Berufsfachschule“ in Hofheim bei Frankfurt. Neben medialen Auftritten folgte im Jahr 2016 die erste Auflage seiner Publikation „Die Kunst des spielerischen Scheiterns“. Hierin lädt er den Leser dazu ein, Problemen aus der Perspektive eines Clowns zu begegnen, gegen diese nicht anzukämpfen, sondern sie als eine Einladung zu begreifen, eine neue Sicht auf die Dinge zu erlangen.

In seinem unterhaltsamen Vortrag vertiefte er den Aspekt des Umgangs mit Aufgaben oder Problemen und gab seinen Zuschauern alltagstaugliche Methoden an die Hand, durch die ein neuer Dialog mit Problemen und darüber hinaus Verwandlung im Menschen geschehen kann.

Zu Beginn definierte er einen wesentlichen Unterschied zwischen Clown und einer „normalen“ Person. Während die Person für gewöhnlich alles ihm Mögliche nutzbar macht, nicht zu scheitern und alles daran setzt, Stabilität und Veränderung in der Waage zu halten, sucht der Clown lustvoll nach dem Kipp-Punkt. Der Punkt, an dem die meisten Leute beginnen zu scheitern, da sie Angst haben vor dem Fall und dabei völlig außer Acht lassen, dass Kippen nicht gleich Absturz bedeutet, sondern einen Impuls für Neues bieten kann. Zur Verdeutlichung zeigte Stuhlmiller vollen Körpereinsatz. Er kippelt auf dem Stuhl und macht anhand verschiedener Heran“gehen“sweisen deutlich, wie vielfältig einer Aufgabe begegnet werden kann. Um das Problem zu verbildlichen, nutzte er einen Stock und zeigte damit, wie sich durch Bewegung, Spiel und Haltung das Problem verändern lässt. Die Pointe seines Vortrags war, nicht das Problem bewegen zu wollen und damit automatisch an ihm festzuhalten, sondern herauszufinden, was das Problem mit einem selbst macht, wie es einen bewegt und wie es sich durch Haltung wenden lässt.

Im weiteren Verlauf erlernten die Zuhörer praktische Methoden für den Alltag und durften diese auch gleich anwenden. Nach Clownesken-Kipp-Regel stände an erster Stelle bei Auftreten eines Problems, dieses erst einmal herzlich willkommen zu heißen. Es ist da, präsent, also warum noch die Augen verschließen? Im nächsten Schritt hatten die Zuhörer die Aufgabe sich dem Problem vorzustellen. Ja, das klingt erst einmal absurd, erweist sich aber im weiteren Verlauf als sehr wirkungsvoll. Ein tiefer Atemzug ging den nächsten Worten voran. „Ich bin…“. Die Teilnehmer erheben sich von ihren Plätzen und stellen sich ihr imaginäres Problem vor. Durch diese Übung wird spürbar: Ich bin da, als Person, konfrontiert mit einem Problem, aber ich bin nicht das Problem. Eine Abgrenzung zwischen dem Problem als Erkenntnisgegenstand, das dem freien und erkennenden Selbst gegenüber steht, wird so sichtbar und erinnert daran, sich nicht selbst zu vergessen und sich nicht selbst zum Problem zu machen. Auch der Unterschied zwischen Problem und Aufgabe wird ersichtlich. So möchte eine Aufgabe gelöst werden und stellt zunächst kein Problem dar. Ein Problem jedoch ist tiefgreifender, will den Menschen zum Kippen bringen, ihn Scheitern sehen. In diesem Fall ist es verschwendete Energie, weiter nach Lösungen zu suchen, viel besser eignet es sich in dieser Situation zunächst einmal über das Problem zu staunen, es auf sich wirken zu lassen und sich damit selbst wieder zu erden. Vielleicht ergibt sich genau aus diesem Moment des Staunens eine Art Inspiration? Das Problem betrachten, darüber staunen, ihm Fragen stellen, es real werden lassen. Auf skurrile Weise lässt Stuhlmiller das Problem lebendig werden und erzeugt bei seinem Publikum schallendes Gelächter, das gleichsam eine heilende Wirkung verspricht.

Zum Schluss griff er die Geschichte von Tom auf, der vor dem Problem steht einen ganzen Zaun weiß streichen zu müssen. Indem er seine Einstellung zu dem Problem ändert und die Latten mit Freunde und Sinnlichkeit einweisst, erregt er die Öffentlichkeit und am Ende der Geschichte betrachten die Anderen es als ein Privileg, eine Latte vom Zaun weiß streichen zu dürfen. Nachdem das Problem also erkannt ist, kann es uns inspirieren, können wir es öffentlich machen und uns vielleicht sogar einen Spielpartner suchen.

Was geschieht, wenn wir im Alltag nach den Clownesken-Kipp-Regeln handeln? Stuhlmiller spricht von Verwandlung. Wir verwandeln ein Problem, bringen es in eine neue Position, verwandeln es in etwas Besseres, statt uns von ihm führen zu lassen und träge zu werden. Wir haben das Problem in unserer Hand, können mit ihm Spielen und Agieren wie wir möchten, unserer Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. Ein ganz neuer Ansatz für die Zuschauer im Umgang mit Problemen. Scheitern, ob Privates oder Berufliches, gehört zur Natürlichkeit des menschlichen Seins. Scheitern führt nicht automatisch zu einem Absturz, das wurde im Vortrag ganz deutlich. Stuhlmiller schaffte es als Clown durch witzige Anekdoten, Mimik und Gestik, das Publikum immer wieder zum Lachen zu bringen.

Im Anschluss an den Vortrag bestand die Möglichkeit zu einem persönlichen Kennenlernen bei einem Imbiss. Zusätzlich gab es die Möglichkeit zum Erwerb seines Buchs „Die Kunst des spielerischen Scheiterns: Wahres Selbstvertrauen gewinnen mit der Clown Methode“, das hoffentlich vielen Menschen dabei helfen wird, den eigenen Clown in sich zu entdecken.

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