16 Okt 2019

emergent dialogues – Dialogpraxis und We-Space-Arbeit

Bildung inmitten von Leben – gemäß diesem Slogan bietet die Akademie Heiligenfeld Bildungsangebote. Dabei liegt uns besonders der Dialog, die Beziehungsgestaltung und die Bewusstseinsbildung am Herzen. Wir möchten Menschen Reifung und somit eine fachliche, persönliche und spirituelle Weiterentwicklung ermöglichen – sowohl als Mensch selbst als auch verbunden miteinander ob in Partnerschaft, Unternehmen oder Gesellschaft. Der offene Dialog über die Essenz unseres Menschseins und somit essenzielle Lebensthemen sind uns wichtig. In unseren Kongressen in Bad Kissingen greifen wir diese Themen auf und veranstalten einmal im Jahr im Mai oder Juni den großen Heiligenfelder Kongress.

Um auch an anderen Standorten diese Themen zu vergegenwärtigen und Impulse für eine neue Bewusstseinskultur zu geben, schließen wir lebendige Kooperationen. Wir möchten aktiv sein in allen Bereichen, ob Wissenschaft, Philosophie, Politik, Wirtschaft, Kunst, Psychologie und Medizin. Mit evolve haben wir einen Partner gefunden, der in ähnlicher Weise denkt und handelt und freuen uns vom 31.01. bis 02.02.2020 Kooperationspartner der Dialog-Konferenz „In Zeiten digitaler Vereinnahmung  – Menschsein in einer neuen Daten-Welt“ zu sein.

Das Thema „We-Space – eine neue Form des Miteinander“ wird Thomas Steininger, Herausgeber des Magazins evolve, im Rahmen des Heiligenfelder Gesprächs am Mittwoch, den 06. November 2019 um 19:30 Uhr im Heiligenfeld Saal der Parkklinik Heiligenfeld näher beleuchten.

Es entstehen weltweit, vor allem in den USA, neue Formen einer We-Space Arbeit, Experimente einer kollektiven, gemeinsamen Achtsamkeit. Wir-Räume, das sind all die Begegnungsräume, in denen wir miteinander leben. Sie bilden lebendige Lebensfelder, mit ihrem eigenen Bewusstsein, ihrer eigenen Anmutung. Wenn wir diesen Wir-Räumen nicht nur mit einem analytischen Blick, sondern auch mit einem Blick gemeinsamer Achtsamkeit begegnen, zeigen sich ihre gemeinsamen Innenseiten. Der achtsame Innen-Blick verändert die Wahrnehmung. Die Räume werden den Beteiligten auf eine andere Weise bewusst. Dadurch entstehen andere, neue Möglichkeiten, sie achtsam zu gestalten.

Im Anschluss an den Vortrag besteht die Möglichkeit zum persönlichen Kennenlernen bei einem Imbiss. Der Vortrag ist öffentlich und der Eintritt ist kostenfrei. Weitere Informationen zum Heiligenfelder Gespräch finden Sie hier.

 

Wir freuen uns, dass wir Thomas Steininger und Elisabeth Debold gewinnen konnten, den Begriff emergent dialogues und ihre Dialogpraxis und We-Space Arbeit genauer vorzustellen.

Ausgangspunkt der Dialogpraxis oder der We-Space-Arbeit ist die Annahme, dass wir heute am Anfang einer wichtigen Übergangszeit stehen. Unsere ausgeprägte Individualität scheint immer mehr zu einer Begrenzung zu werden und viele Vorreiter eines Bewusstseinswandels betonen heute die Dringlichkeit, uns die kollektiven Dimensionen unseres Bewusstseins, die am Beginn der Menschheitsgeschichte standen, unter zeitgemäßen Vorzeichen wieder anzueignen und in das zeitgenössische Bewusstsein zu integrieren. Wissenschaftler wie Ewert Cousins, Pionier des interreligiösen Dialogs, sehen in einer solchen Integration die Antwort auf die Krisen der globalisierten, menschlichen Gemeinschaft.

Die Entwicklung des selbstreflexiven, autonomen, getrennten und rationalen „Ich“ ermöglichte die wissenschaftliche Revolution, die Erkenntnisse Kants und auch die moderne Demokratie. Wir glauben, wie auch Cousins, dass die Fähigkeit, nun die kollektive und auch kosmische Dimension wieder zu entdecken und zu integrieren, für ein neues intersubjektives Bewusstsein ähnlich tiefgreifende Auswirkungen für die menschliche Zivilisation haben wird wie die Entwicklung unserer Individualität.
Wir glauben, dass das daraus erwachsende „Wir“ neue kreative Fähigkeiten ermöglichen wird, die der Komplexität und den Konflikten in unserer hochgradig vernetzten und globalisierten Welt besser gewachsen sind. Unsere Hoffnung ist, dass die emergent dialogues ein Beitrag zu dieser neuen We-Space-Kultur sind.

Die Emergenz des Wir-Raumes entsteht, wenn sich in einem tiefen Dialog zwischen Menschen ein gemeinsamer Bewusstseinsraum zeigt, dessen Anwesenheit alle oder viele ergreift. In dieser Bewusstseinsbewegung entsteht im Dialog zwischen den Anwesenden so etwas wie ein Sog nach oben, und mit ihm der Horizont eines gemeinsamen Potenzials. Dieser Prozess kommt durch Aufmerksamkeit, Neugier und ein Interesse an dem, was „noch nicht ist“, aber sich als Potenzial zeigt, in Gang. Dieser Möglichkeitsraum zeigt sich zwischen Menschen in der Regel in der Form eines Dialogs, aber eigentlich ist es ein kultureller Prozess und letztendlich ein kosmischer – eine endlose Entfaltung, in der immer mehr aufgenommen und integriert wird.

Wir haben die emergent dialogues als Methode der Moderation von Prozessen in Konferenzen angewendet oder um in Geschäfts- oder Teamsitzungen gemeinsam kreativer denken zu können. emergent dialogues sind also eine praktische Anwendung der We-Space-Arbeit, die in den vielen Kontexten, wo echter Dialog notwendig ist, angewandt werden kann. Mit „Dialog“ meinen wir hier ein Gruppengespräch, in welchem Perspektiven geteilt werden, um zu einem tieferen Verständnis oder einer umfassenderen Lösung zu gelangen. Emergent dialogues unterstützen die kreative Dynamik innerhalb einer Gruppe, indem die Teilnehmer sensibilisiert werden, gewisse Grundlagen, die das gemeinsame Erkunden von und in etwas Größerem unterstützen, unter Leitung eines Dialogbegleiters zu kultivieren.

Aufgrund dieser den kollektiven Horizont erweiternden Perspektive sind die emergent dialogues für uns auch eine mögliche wichtige kulturelle Praxis, die helfen kann, gemeinsam eine trans-individuelle Kultur zu entwickeln. Denn viele unbeabsichtigte Konsequenzen unserer „Ich“-fokussierten Kultur, darunter eine nicht nachhaltige Wirtschaftsform und ein nicht nachhaltiges Konsumverhalten, bedrohen jetzt unsere gesamte Biosphäre.Die Kultivierung einer holistischen, kollektiven Intelligenz würde es uns leichter machen, unsere Verbundenheit mit dem gesamten Leben auf der Erde und unsere Abhängigkeit davon direkt zu erkennen. Die Komplexität unserer großen Menschheitsprobleme verlangt mehr als die Genialität einzelner Individuen. Die notwendigen Antworten werden nur aus neuen Formen des Miteinanders kommen.

emergent dialogues unterscheiden sich von anderen gängigen dialogischen Praktiken. Ein wesentlicher Punkt dabei: Sie sind transindividuell (der Prozess baut zwar auf unserer Individualität auf, schließt sie mit ein und geht gleichzeitig auch über sie hinaus). Und der vom Dialogbegleiter gehaltene Fokus liegt auf dem Intersubjektiven, sowohl auf dem Bewusstseinsfeld als auch auf dem sich entfaltenden kreativen Prozess – dem Potenzialraum des Wir-Feldes. Im Dialog richtet sich das Zentrum der Aufmerksamkeit nicht auf die verschiedenen Individuen in der Gruppe und ihre subjektiven Erfahrungen. Die einzelnen Erfahrungen bleiben wichtig, aber was im Ganzen geschieht, hat Priorität. Anders ausgedrückt setzen die emergent dialogues vor allem beim „Wir-Raum“ an, weniger bei einem „Ich-Du-“ oder einem „Ich-Du-Du“-Raum.

Unsere Hoffnung für unsere spezielle Art der We-Space-Arbeit und die emergent dialogues ist, dass sie zu einem Instrument für ein lebendiges Miteinander der vielen unterschiedlichen Perspektiven auf diesem Globus werden. Denn wir brauchen auf allen Ebenen der Gesellschaft ein neues kreatives Miteinander.