„Man redet nicht nur. Man gestaltet im Hier und Jetzt.“
Audrey Sarte, stellvertretende Leitung der Akademie Heiligenfeld, traf sich mit Andreas von Borstel und Christian Horras zu einem Gespräch über die Zusatzausbildung zum Kunst- und Gestaltungstherapeuten. Es geht um professionelle Praxis, persönliche Entwicklung – und um die Frage, warum kreative Prozesse dort wirksam werden, wo Sprache an ihre Grenzen stößt.
1. Vorstellung
Audrey: Lieber Andreas, lieber Christian, schön, dass ihr euch Zeit nehmt, um über eure Ausbildung zu sprechen. Vielleicht stellt ihr euch zu Beginn kurz vor.
Andreas: Sehr gern, liebe Audrey. Mein Name ist
Andreas von Borstel, ich bin 68 Jahre alt. Mein beruflicher Werdegang führte mich von der damaligen Fachhochschule in Ottersberg, die anthroposophisch orientiert ist, über „Berliner Jahre“ in psychiatrienahen Arbeitszusammenhängen bis hin zu einem längeren Aufenthalt in Südamerika. Danach war ich zunächst freischaffend als Künstler tätig, ehe mich die kunsttherapeutische Suchtarbeit rief. Über viele Jahre wurde es zu einem zentralen Berufsmotiv, Menschen, die in Abhängigkeitserkrankungen geraten sind, therapeutisch zu begleiten. Anschließend arbeitete ich zwölf Jahre als Kreativtherapeut in den Heiligenfeld Kliniken. In interdisziplinären Teams, habe ich dort gelernt, wie wertvoll gegenseitige Ergänzung und gemeinsame Reflexion für eine wirksame Therapie sind. Heute blicke ich mit Abstand und Dankbarkeit auf diese klinische Arbeit zurück. Die Grundfragen nach Leben, Kunst und ihrer Beziehung sowie die vielen Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen haben mich all die Jahre getragen – und beschäftigen mich bis heute. So bleibe ich Kunsttherapeut und der, der ich bin.
Christian: Mein Name ist Christian Horras, ich bin 44 Jahre alt und arbeite seit fast 15 Jahren als Kunsttherapeut in den Heiligenfeld Kliniken. Studiert habe ich zunächst Malerei an der Kunstakademie in Karlsruhe und anschließend Kunsttherapie in München bei Prof. Gertraud Schottenloher und Prof. Dr. Gisela Schmeer, wobei mich vor allem Letztere sehr geprägt hat. Mein Studium war ganzheitlich orientiert, mit viel Tiefenpsychologie, Symbolarbeit nach Jung, achtsamkeitsbasiert und systemisch. Deshalb war es für mich ein sehr stimmiger Berufseinstieg, anschließend in einer Klinik mit ähnlichen Werten zu arbeiten. Seit einigen Jahren habe ich meine Stelle reduziert, um wieder mehr künstlerisch zu arbeiten. Daneben unterrichte ich seit über zehn Jahren Kunsttherapie an verschiedenen Hochschulen und Ausbildungsinstitutionen. Die Verbindung von klinischer Praxis, Kunst und Lehre prägt meine Arbeit bis heute.
2. Drei Dozierende – drei Perspektiven
Audrey: Die Ausbildung gestaltet ihr gemeinsam mit Nicole Duwe, die heute leider nicht dabei sein kann. Wie habt ihr euch gefunden?
Andreas: Wir haben über zwölf Jahre gemeinsam in den Heiligenfeld Kliniken als Therapeutin und Therapeut gearbeitet.
Christian: Als die frühere kunsttherapeutische Ausbildung an der Akademie Heiligenfeld pausieren musste, wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könne, ein neues Konzept zu entwickeln. Da dachte ich sofort an Andreas und Nicole. Gerade weil wir uns fachlich und biografisch unterscheiden, was ich immer als große Stärke erlebe.
Andreas: Unsere Wege in die Kreativtherapie und nach Bad Kissingen waren sehr unterschiedlich. Gerade diese Vielfalt hat unser Miteinander geprägt und bereichert. Offenheit gegenüber Gegensätzen, das gegenseitige Einlassen auf die Sichtweisen und Stärken der anderen – daraus ist mit Lust und Interesse eine lebendige Form dieser Zusatzausbildung entstanden.
Christian: Darum war mir auch wichtig, mit Nicole eine körper- und traumatherapeutische Perspektive einzubinden. Sie ist Tanz- und Bewegungstherapeutin, Leibtherapeutin nach Udo Baer und hat sich über Somatic Experiencing und NARM in den letzten Jahren auf Trauma spezialisiert. Gerade dieser Zugang über den Körper finde ich zentral – nicht umsonst sagte Freud: „Unser Ich ist vor allem ein körperliches.“
3. Für wen ist die Zusatzausbildung gedacht?
Audrey: An wen richtet sich eure Zusatzausbildung?
Christian: An Menschen, die im psychosozialen
Bereich arbeiten – Psychologen und Psychologinnen, Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen, Ärzte und Ärztinnen sowie Therapeuten und Therapeutinnen. In vielen Arbeitskontexten reichen Worte nicht aus. Entweder, weil eine gemeinsame Sprache fehlt, etwa in der Flüchtlingshilfe, oder weil Sprache gerade nicht zur Verfügung steht – bei Demenz, in der Arbeit mit traumatisierten Menschen, mit Kindern oder in psychosomatischen Settings.
Andreas: Kunsttherapie ist seit langem in psychosozialen und klinischen Kontexten etabliert. Wir drei kommen direkt aus diesem Feld. Aus unserer Erfahrung wissen wir: Kunsttherapeutische Verfahren bieten reale Hilfe, gerade dort, wo Sprache an Grenzen stößt.
Christian: Auch die Neurowissenschaft bestätigt das. Wir glauben oft, wir seien vor allem rationale Wesen. Doch unser Neokortex bestätigt häufig nur nachträglich, was längst in älteren Hirnschichten entschieden wurde. Bildhafte und emotionale Verarbeitung entsteht vor Sprache – frühe Bindungs- und Körpererfahrungen sind nicht sprachlich gespeichert. Genau dort setzt Kunst- oder Körpertherapie an.
Andreas: Mir ist noch wichtig zu ergänzen, dass unsere Ausbildung kein Ersatz für eine staatlich oder vom Dachverband für Kunsttherapie anerkannte (Hochschul-)Ausbildung darstellt. Wir wollen Menschen, die bereits eine Ausbildung oder Studium im Psychosozialen Bereich haben, dazu befähigen, kunsttherapeutische Methoden sehr praxisnah im eigenen Berufsfeld anwenden zu können. Unsere Zusatzausbildung schließt mit einem Zertifikat ab.
4. Warum Kunsttherapie?
Audrey: Warum sind kunsttherapeutische Methoden aus eurer Sicht so wichtig?
Andreas: Die Erklärung ist komplex, weil Kreativität im Menschen vielschichtig ist. Kreative Prozesse sind keine Flucht in Fantasiewelten, sondern eröffnen über nonverbale, oft vorbewusste Ausdrucksformen einen Zugang zu inneren Dimensionen des Menschseins. Diese folgen keiner linearen Logik, sondern entspringen häufig dem Unvorhersehbaren, Irrationalen, A-Logischen. Gerade darin liegt ihr Potenzial. Kreativ entstandene Werke werden zu Zeugnissen innerer Prozesse, in denen Überraschung, Chaos, Umbruch und Neufindung möglich sind. Kunsttherapie nutzt diesen Reichtum, um emotionale Prozesse zu fokussieren und Körper und Erleben achtsam einzubeziehen – gerade in einer Zeit zunehmender Entfremdung und Virtualität.
Christian: Man redet nicht nur. Man gestaltet im Hier und Jetzt. Klienten und Klientinnen arbeiten mit Farbe, Kreide oder Ton, treten in Beziehung zum Material. Das aktiviert die Sinne, Emotionen, die die Grundlage unseres Erlebens und Verhaltens sind. Schließlich werden Beziehungskompetenzen entwickelt.
5. Ein Beispiel aus der Praxis
Audrey: Könnt ihr das an einem Beispiel verdeutlichen?
Christian: Nehmen wir eine diffuse Angst, die jemand nicht benennen kann. Dann kann man sie gestalten – ihr eine Form geben. Dadurch wird etwas Inneres veräußerlicht, das man dann wahrnehmen und bearbeiten kann. Oder bei Wut: In der Kunsttherapie kann man sie konstruktiv ausdrücken, etwa in kathartischen Übungen mit Farbe oder Ton. Danach wird weitergearbeitet. Das live zu erleben, wirkt oft unmittelbarer als nur darüber zu sprechen.
Audrey: Das heißt, es wird nicht unbedingt über die Gestaltungen geredet?
Christian: Nicht zwingend. Es hängt vom Setting ab, dem Arbeitsauftrag und den Klienten und Klientinnen. Mit Kindern arbeitet man anders als mit Erwachsenen. Manchmal ist das Gestalten selbst die Therapie, manchmal wird die entstandene Arbeit zum Ausgangspunkt eines Gesprächs.
Andreas: Kunsttherapie ersetzt Sprache nicht, sondern ergänzt sie. Sie setzt dort an, wo Gespräche ins Stocken geraten, wo Abwehrmechanismen greifen und Entwicklung stillsteht. So können Prozesse wieder in Bewegung kommen.
6. Das Besondere an der Ausbildung in Bad Kissingen
Audrey: Warum sollte man sich gerade für eure Zusatzausbildung an der Akademie Heiligenfeld entscheiden?
Christian: Die Teilnehmenden erleben durch uns drei eine große Vielfalt an Ansätzen, getragen von einem gemeinsamen ganzheitlichen Verständnis. Achtsamkeit, transpersonale Aspekte und Körperbezug sind integrale Bestandteile.
Andreas: Die Nähe zu den Heiligenfeld Kliniken schafft einen besonderen Resonanzraum. Fragen nach Gesundheit, Krankheit und Therapie sind hier lebendig. Die Akademie bietet zudem einen hervorragenden strukturellen Rahmen, der es uns ermöglicht, uns ganz auf die inhaltliche Arbeit zu konzentrieren. Daraus ist über die Jahre ein stabiles Fundament der Zusammenarbeit entstanden.
7. Inhalte und Selbsterfahrung
Audrey: Könnt ihr zum Abschluss noch etwas über Inhalt und Aufbau der Ausbildung sagen?
Christian: Die Ausbildung umfasst 13 Wochenendmodule über einen Zeitraum von ungefähr zwei Jahren. Es geht um Grundlagen der Bildarbeit, Farb- und Formwirkung, analytische Verfahren, Körperbildarbeit und die Fokussierung auf den Gestaltungsprozess. Wer Interesse hat, sollte sich die Inhalte auf der Homepage anschauen – und vor allem zum Kennenlernwochenende am 21. und 22. März kommen. Das ist unverbindlich, jedoch Voraussetzung für die Teilnahme an der Ausbildung.
Andreas: Ich möchte noch ergänzen, dass die Ausbildung keine rein fachliche Qualifizierungsmaßnahme darstellt. Sie berührt auch tiefere Ebenen der eigenen Empfindsamkeit, der Gefühle und Gedanken. Sie aktiviert und reflektiert die unmittelbare persönliche Teilhabe. Selbsterfahrung, auch in gruppendynamischen Prozessen, ist daher zentraler Bestandteil.
Christian: Wer mit Menschen arbeitet, sollte in gutem Kontakt mit sich selbst sein, über die eigenen biografischen Themen Bescheid wissen. Das gehört zur Professionalität dieses Berufsfelds hinzu. Sonst kommt es zu ungünstigen Verwicklungen während der Behandlung. Deshalb hat die Ausbildung einen hohen Selbsterfahrungsanteil. Zudem vermitteln wir unsere Methoden nicht nur theoretisch, sondern zuerst immer praktisch. Denn was man selbst erfahren hat, kann man sich leichter merken. Es wird also viel gestaltet in unserer Ausbildung. Talent ist dabei übrigens nicht entscheidend – jeder Ausdruck ist willkommen.
Stimmen von ehemaligen Teilnehmenden
„Die Zusatzausbildung hat mir als Kunsthandwerkerin und Workshopleiterin einen neuen Blick auf meinen Berufsalltag gegeben. Die Workshops sind menschlicher und achtsamer geworden. Auch meine Persönlichkeit hat durch die Erfahrung in den Gruppenarbeiten an Reife und Bewusstsein gewonnen.“
Stefania
„Besonders geprägt hat mich der ganzheitlich-körperorientierte Ansatz, der zu einem zentralen Bestandteil meines therapeutischen Arbeitens geworden ist – vor allem im Umgang mit Menschen, die unter den Folgen von Traumata leiden.“
Silke
„Der inhaltliche Zuschnitt der Zusatzausbildung hätte nicht besser in meinen beruflichen Werdegang passen können, so dass ich heute in meiner Praxis kunsttherapeutische Methoden gewinnbringend für die Klientel anwenden kann. Persönlich war es eine intensive Zeit der Auseinandersetzung mit kreativen Methoden und Wirkweisen, die mein Leben bereichert haben.“
Gudrun
Einladung zum Heiligenfeld Kongress 2025: „Wer sind wir eigentlich? – in Zeiten von …“
Der kommende Heiligenfeld Kongress 2025 stellt diese Fragen in einen größeren Zusammenhang. Unter dem Motto „Wer sind wir eigentlich? – in Zeiten von …“ richtet sich der Blick nicht nur auf das individuelle Selbst, sondern auch auf unser gemeinsames Sein: als Gesellschaft, als Menschheit, als Teil einer sich verändernden Welt.
Der Kongress lädt dazu ein, Identität sowohl persönlich als auch kollektiv zu erforschen. In Vorträgen, Workshops und Begegnungen geht es um die Frage, wie wir uns in dieser Zeit des Wandels verstehen wollen – innerlich, miteinander und im Verhältnis zur Natur. Dabei entsteht ein Raum, in dem Reflexion, Inspiration und echte menschliche Verbindung möglich werden.
Wer teilnimmt, erhält Impulse für ein tieferes Selbstverständnis, aber auch für die Frage, wie wir als Gemeinschaft Verantwortung übernehmen und neue Formen des Zusammenlebens gestalten können. Der Kongress wird damit zu einem Ort, an dem Identität nicht nur gedacht, sondern gelebt und weiterentwickelt werden kann.
Warum gerade jetzt – und warum du mitmachen solltest
Gerade in Zeiten großer Unsicherheit birgt die Suche nach Identität eine besondere Bedeutung. Denn:
- Sie kann Orientierung schenken – wenn äußere Gewissheiten ins Wanken geraten.
- Sie kann Verbundenheit möglich machen – mit Menschen, Natur und Zukunft.
- Sie kann zu innerer Kraft, Empathie und Sinn führen.
Der Kongress bietet einen Raum, in dem diese Fragen ernstgenommen werden – für alle, die spüren, dass Identität mehr ist als Herkunft oder Rolle. Für alle, die mitgestalten möchten: ein Bewusstsein, eine Gemeinschaft, eine Zukunft.